55 Millionen Jahre altes Eulenskelett beleuchtet frühe Evolution
Ein außergewöhnlich vollständiges 55 Millionen Jahre altes Eulenskelett wurde beschrieben und liefert einzigartige Einblicke in die Lebensweise früher Eulen. Der Fund deutet auf eine andere Jagdmethode als bei modernen Eulen hin.

Wissenschaftler des Senckenberg Centrums für Menschliche Evolution und Paläoenvironment haben eine neue fossile Eulenart, Primoptynx poliotauros, beschrieben. Das 55 Millionen Jahre alte Skelett ist das älteste und vollständigste Fossil aus den frühen Stadien der Eulenevolution und bietet einzigartige Einblicke in die Lebensweise dieser Vögel.
Die Entdeckung, die Senckenberg-Wissenschaftler Gerald Mayr mit internationalen Kollegen machte, bereichert das Verständnis der Eulenevolution erheblich. Bisher waren nur einzelne Knochen und Fragmente früher Eulen bekannt. Dieses neue, nahezu vollständige Skelett wurde in der nordamerikanischen Willwood Formation gefunden und wird auf ein Alter von 55 Millionen Jahren geschätzt.
Primoptynx poliotauros war etwa so groß wie eine heutige Schneeeule. Seine Krallen unterschieden sich jedoch erheblich von denen moderner Eulen. Während heutige Eulen an allen Zehen etwa gleich große Krallen haben, besaß diese ausgestorbene Art deutlich vergrößerte Krallen an der Hinterzehe und der zweiten Zehe. Diese Tatzenproportion ist von tagaktiven Greifvögeln wie Habichten und Adlern bekannt.
Forscher nehmen an, dass Primoptynx poliotauros seine Krallen zur Beute tötung nutzte, im Gegensatz zu heutigen Eulen, die ihren Schnabel verwenden. Dies deutet auf einen signifikanten Unterschied im Jagdverhalten hin. Der Fund offenbart auch die Vielfalt der Eulenarten im frühen Eozän Nordamerikas, die von der kleinen Art Eostrix gulottai bis zu dieser großen neuen Art reichte.
Die Gründe für den evolutionären Wandel der Jagdtechnik bleiben unklar. Wissenschaftler vermuten, dass die Konkurrenz mit tagaktiven Greifvögeln vor etwa 34 Millionen Jahren die Spezialisierung der Eulen beeinflusst und möglicherweise zur Entwicklung ihrer nächtlichen Gewohnheiten beigetragen haben könnte.