Buchmarkt: Darf KI Literatur verfassen?
Ein Experte der LMU München beleuchtet die Rolle von KI in der Literatur und bei Urheberrechtsfragen. Aktuelle KI-Modelle können noch keine Spannung erzeugen, hinterfragen aber unser Kreativitätsverständnis.

Professor Julian Schröter von der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) hat die Rolle künstlicher Intelligenz (KI) im literarischen Bereich analysiert. Seiner Einschätzung nach sind aktuelle Sprachmodelle Mitte 2026 noch immer schlecht darin, Spannung zu erzeugen. Schröter führt dies auf eine begrenzte „Theory of Mind“ der KI zurück, also deren Unfähigkeit, die Erwartungen und Gedanken des Lesers adäquat zu antizipieren.
Die komplexe Kunst des Spannungsaufbaus in literarischen Werken erweist sich für KI als erhebliche Herausforderung, obwohl sie einfache Täuschungsabsichten erkennen kann. Schröter betont, dass KI noch keine Erzählungen konstruieren kann, bei denen unerwartete Ereignisse letztlich notwendig und plausibel erscheinen. Dies offenbart die tiefe Komplexität des Spannungsdramas, ein Aspekt, der von Literaturkritikern bisher unterschätzt wurde.
Der Einsatz von KI in der literarischen Produktion wird als potenzielles Werkzeug betrachtet, doch das Feld der „Hochliteratur“ sei nicht kontextfrei. Schröter erklärt, dass es sich um ein komplexes soziales Gebilde aus Zuschreibungen und Bedingungen handelt, die definieren, was als Hochliteratur gilt. Der Mensch als Autor bleibe ein zentrales Element dieser Definition. Er nennt die Autorin und Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk als Beispiel, die Kritik für die Nutzung von KI erhielt, später jedoch klarstellte, dass diese nur zu Recherchezwecken erfolgte.
Urheberrechtliche Fragen stellen sich, wenn KI Inhalte generiert, die bestehenden Werken sehr ähnlich sind. Insbesondere bei illustrierten Kinderbüchern, wie „Kokusnuss, der Drache“, hat KI Fortsetzungen erstellt, die menschlich geschaffene Stile stark nachahmen. Schröter meint, dies stelle die Auffassung von Plagiat in Frage und erfordere neue regulatorische Lösungen zum Schutz kreativer Arbeit. Der europäische AI Act befasst sich mit diesen Problemen.