Gender Pay Gap: "Es geht darum, wie Arbeit organisiert wird"
Frauen verdienen in Deutschland immer noch weniger als Männer. Ökonom Moritz Drechsel-Grau von der LMU München erläutert die Gründe im Interview und schlägt Lösungsansätze vor.

Der Gender Pay Gap in Deutschland bleibt bestehen, wobei Frauen deutlich weniger verdienen als Männer. Dies erklärte Moritz Drechsel-Grau, Wissenschaftler an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU München), in einem von der LMU veröffentlichten Interview. Demnach liegt der durchschnittliche Stundenlohn von Frauen etwa 18 Prozent unter dem von Männern, eine leichte Verbesserung gegenüber 21 Prozent im Jahr 2000.
Hauptursache für diese Diskrepanz ist der höhere Anteil von Frauen in Teilzeitarbeit, was sich erheblich auf die Jahresverdienste auswirkt und die Lohnlücke auf fast 40 Prozent vergrößert. Drechsel-Grau betont, dass das Problem über Geschlechternormen hinausgeht und tief in der Organisation der Arbeitswelt verwurzelt ist. Insbesondere anspruchsvolle Führungspositionen sind oft schwer mit dem Familienleben vereinbar, was die Karriereentwicklung von Frauen nach der Geburt eines Kindes überproportional beeinträchtigt.
"Wenn das erste Kind kommt, bricht die Wahrscheinlichkeit für Frauen, Vollzeit zu arbeiten und entsprechend zu verdienen, dramatisch ein", so Drechsel-Grau. Er spricht hier von einer "Kind-Einkommens-Strafe" (child earnings penalty), die die Einkommen von Frauen bis zu zehn Jahre nach der Geburt des Kindes erheblich schmälert, während Männer praktisch keine vergleichbare Auswirkung erfahren. Vergleichende Analysen zeigen, dass diese "Kind-Einkommens-Strafe" in Deutschland und Österreich höher ist als beispielsweise in skandinavischen Ländern, teilweise bedingt durch unzureichende Kinderbetreuungsmöglichkeiten und gesellschaftliche Normen.
Die Einkommensunterschiede sind bei Selbstständigen und Unternehmerinnen noch ausgeprägter als bei Angestellten. Im Jahr 2016 lag das durchschnittliche Einkommen eines selbstständigen Mannes bei über 100.000 Euro, während eine Selbstständige knapp unter 50.000 Euro verdiente. Drechsel-Grau fordert strukturelle Veränderungen in der Arbeitswelt und politische Maßnahmen, um die Karriereentwicklung und Gleichstellung von berufstätigen Eltern, insbesondere Frauen, besser zu unterstützen.