Psychiater: Urteil im Fall Clancy löst strukturelle Mängel in der Mütter-Versorgung nicht
Während das Gericht über ein neues Verfahren gegen Lindsay Clancy berät, warnt Experte Jeffrey A. Lieberman vor einer Vernachlässigung der grundlegenden Probleme in der psychiatrischen Versorgung.

Am 16. November entscheidet ein Gericht in Massachusetts, ob Lindsay Clancy nach dem gescheiterten Prozess im September erneut angeklagt wird. Laut Jeffrey A. Lieberman, Professor für Psychiatrie an der Columbia University, wird dieses Urteil zwar den Fall abschließen, jedoch die strukturellen Defizite im US-Gesundheitssystem unberührt lassen.
Lieberman sieht in dem Fall Parallelen zum Fall Andrea Yates vor 25 Jahren. Er betont, dass die medizinische Wissenschaft zwar in der Lage sei, postpartale psychische Störungen zu erkennen und zu behandeln, das System jedoch meist erst in Krisensituationen reagiere, anstatt Prävention zu betreiben. Da etwa jede fünfte Frau im Umfeld einer Geburt von psychischen Problemen betroffen ist, sei die aktuelle Screening-Quote der Versicherer unverhältnismäßig niedrig.
Als Hauptursachen für das Versagen führt der Experte mangelnde Fortbildung für Geburtshelfer, zu restriktive Versicherungsrichtlinien und die strafrechtliche Behandlung psychischer Erkrankungen an. Bisher hat lediglich der Bundesstaat Illinois psychische Störungen in der Perinatalzeit als strafmilderndes Kriterium gesetzlich verankert.
Obwohl im Jahr 2025 dreizehn Bundesstaaten Gesetze zur Verbesserung der Vorsorgeuntersuchungen erlassen haben, bezeichnet Lieberman dies als unzureichend. Da derzeit 75 Prozent der betroffenen Frauen unbehandelt blieben, seien weitreichendere politische Maßnahmen dringend erforderlich, um die Versorgungslücke zu schließen.