Technologieunternehmen suchen moralische Orientierung bei Religionsgemeinschaften
Große Tech-Konzerne konsultieren religiöse Vertreter, um ethische Maßstäbe für KI festzulegen. Experten kritisieren das reduzierte Verständnis von Religion als reines Regelwerk.

Führende Technologieunternehmen wie Anthropic, OpenAI und Microsoft suchen vermehrt den Austausch mit Religionsgelehrten und Ethikern, um moralische Leitlinien für ihre KI-Systeme zu definieren. Die Firmen hoffen, durch die Einbindung religiöser Perspektiven eine breite Basis menschlicher Wertvorstellungen in ihre Modelle zu integrieren.
Anthropologen wie Webb Keane kritisieren jedoch den Versuch, Religionen auf extrahierbare moralische Prinzipien zu verkürzen. Religion sei untrennbar mit Kultur, Ritus und zwischenmenschlichen Beziehungen verbunden und lasse sich nicht als bloßes Regelwerk behandeln. Dieser Ansatz berge die Gefahr, insbesondere nicht-abrahamitische Traditionen falsch darzustellen oder zu benachteiligen.
Zudem weisen Wissenschaftler darauf hin, dass die Einteilung in klar abgegrenzte Weltreligionen ein modernes akademisches Konstrukt des 19. Jahrhunderts sei, das nicht notwendigerweise den gelebten Traditionen entspreche. Ein digitaler Extrakt aus religiösen Lehren drohe daher die Komplexität und den Kontext der einzelnen Glaubensrichtungen zu untergraben.
Trotz der methodischen Kritik bewerten einige beteiligte Philosophen, wie Meghan Sullivan von der University of Notre Dame, die Ernsthaftigkeit der KI-Unternehmen in diesem Dialog positiv. Die Branche steht jedoch vor der Herausforderung, ethische Standards zu entwickeln, die über die einfache Zusammenstellung moralischer Konzepte hinausgehen.